Stellungnahme

HIER WOHNTE
KARL AUGUST EBEL
JG. 1895
VERHAFTET 27.6.1938
AKTION ‘ARBEITSSCHEU REICH‘
DACHAU
1939 MAUTHAUSEN
ERMORDET 24.9.1939

  1. Die Angaben auf dem am 8.7.2020 in Ludwigsburg verlegten Stolperstein für Karl August Ebel entsprechen den derzeit recherchierbaren Fakten zu Leben und Tod des Betroffenen. Sie halten jeder Nachprüfung stand.
  2. Jeder der über 75.000 vom Kölner Künstler Gunter Demnig seit 1992 verlegten Stolpersteine ist Teil eines europaweiten Kunstwerks im Dienste der Erinnerung an die NS-Opfer. Jeder einzelne Stein findet in diesem Mosaik seinen Platz, wenn die vom Künstler vorgegebenen Normen eingehalten werden. Format des Steins, Schrift, Kategorien, Benennungen und andere Details sind weitgehend standardisiert.
  3. Alle 82 Steine in Ludwigsburg sind vor dem letzten frei gewählten Wohnsitz der Opfer verlegt. Das ist eine klare Regelung, um Doppelungen zu vermeiden. Der Zugang zur Biografie des Opfers ist topografisch verankert, die Erinnerung dockt an einen lokalen/lokalhistorischen Fakt an, setzt perspektivisch an: Karl Ebel wohnte zur Zeit seiner Verhaftung vorübergehend im Christlichen Hospiz in der Gartenstr. 17, in der „Herberge zur Heimat“, die Wohnsitzlosen Unterkunft bot.
  4. Der Anstoß, in Ludwigsburg einen Stolperstein für Karl August Ebel zu verlegen, kam von Frau G.. Sie bat die Ludwigsburger Stolperstein-Initiative um Hilfe bei Recherchen zu ihrem Vorfahren (Karl August Ebel hatte drei Geschwister, keine Kinder), nannte Daten und Fakten. Daraufhin startete die Initiative eigene Recherchen zu Karl Ebel und der Opfergruppe, der er zuzurechnen war, und teilte die Ergebnisse regelmäßig Frau G. mit.
    Für die Ludwigsburger Initiative ist aber, neben dem Gedenken an die NS-Opfer, deren Biografie rekonstruiert wird, immer auch der stadtgeschichtliche und öffentlichkeitswirksame Bezug wichtig. Dieser doppelte Kontext führt in der Darstellung zwangsläufig zu Typisierungen und Begrifflichkeiten, die familienintern wohl befremdlich klingen. Der Stolperstein informiert „im Vorbeigehen“, spricht jede und jeden an: kurz und knapp.
  5. Der Stein nennt mit der Inschrift Aktion „Arbeitsscheu Reich“ den Grund der Verhaftung und Internierung. Die Bezeichnung Aktion “Arbeitsscheu Reich“ (ASR) ist in der Forschung etabliert, sie schließt die Aktion „Arbeitszwang Reich“ (AZR) mit ein. Die NS-Bezeichnung Arbeitsscheu Reich ist auf dem Stein in (eingestrichene) Anführungszeichen gesetzt und damit als ein ideologisches Verdikt, letztlich: eine Stigmatisierung mit Todesfolge, kenntlich gemacht. Karl Ebel ist ein Opfer dieser Aktion gewesen, der Eintrag im Eingangsbuch des KZ Dachau bestätigt dies – weitere Belege sind weder erforderlich noch in Form von „Verhaftungslisten“ zu erwarten.
    Die Nennung der Aktion soll u. a. deutlich machen, dass es neben Holocaust und Krankenmorde weitere (bisher wenig beachtete) Opfergruppen gab/gibt. Dabei unterstellen wir, dass NS-Etikettierungen wie „Jude“, „lebensunwertes Leben“ oder „arbeitsscheu“ aus humanistischer Sicht haltlos sind.
  6. Alle KZ sind keine Resozialisierungsanstalten, vielmehr von Anfang an daraufhin angelegt, die dort inhaftierten Menschen psychisch/physisch zu brechen oder ganz zu vernichten. Arbeit, Hunger, Willkür und Gewalt prägten den Alltag der KZ-Häftlingen – wer unter solch brutalen, gewaltsam auferlegten Bedingungen stirbt, stirb keines natürlichen Todes, der wird getötet. Alle Tatbestandsmerkmale für Mord treffen auf die KZ-Toten zu (dass die Täter in der Regel nach 1945 davongekommen sind, sollte das Urteil über die Taten nicht trüben). Das KZ Mauthausen wurde von den Nazis als KZ der Kategorie III geführt, darunter verstanden sie „Vernichtung durch Arbeit“. Karl Ebel wurde nach Mauthausen verlegt, um dort durch Arbeit vernichtet, also ermordet zu werden.
  7. Die Stolperstein-Initiative Ludwigsburg ist bis zur Verlegung der Steine Herr des Verfahrens (danach gehen die Steine in städtisches Eigentum über), sie recherchiert nach bestem Wissen und Gewissen, kooperiert mit Bibliotheken, Archiven, Nachfahren und anderen Informationsquellen, nimmt Rücksicht auf Betroffene. Sie übernimmt grundsätzlich auch die Kosten für die Steine – das wurde auch Frau G. mitgeteilt. Die Nachfahren der Opfer sollen nicht auch noch für das Gedenken bezahlen. Steine kann man/frau weder spenden noch kaufen (die Arbeit der Initiative mit Spenden unterstützen dagegen schon). So bleibt und wird Objektivität, die Richtigkeit der Fakten und Daten, gewahrt und gesichert.
  8. Karl Ebel wurde zusammen mit Josef Michelbacher, für den in der Gartenstr. 17 ebenfalls ein Stein verlegt wurde, und zwei weiteren Personen, Georg Bärtlein und Ernst Schäufler, verhaftet. Georg Bärtlein wurde aus Dachau entlassen, über sein weiteres Leben ist bisher noch nichts bekannt. Die Nachforschungen zu Ernst Schäufler sind noch nicht abgeschlossen.
  9. Im Begleitprospekt zur Stein-Verlegung sind im Text, der auf Karl August Ebel Bezug nimmt, Fehler unterlaufen. Wörtliche Übernahmen aus einem Text von Frau G. wurden nicht als Zitate gekennzeichnet, die Quelle nicht genannt. Dafür haben wir uns bei ihr entschuldigt und unseren Text überarbeitet. Dieser Fauxpas ist vor dem Hintergrund zu sehen und zu verstehen, dass die Stolperstein-Initiative ihre jeweiligen Recherche-Ergebnisse zu Karl Ebel regelmäßig – und wohl auch erkenntnis- und rechercheleitend – an Frau G. weitergegeben hat.

20. Juni, 16.00 Uhr

Musikhalle Ludwigsburg: Stolperstein-Rundfahrt mit dem Radl. Die Beteiligung der Radinitiative Ludwigsburg entfällt leider, bei geeignetem Wetter findet die Tour jedoch statt.

Stolperstein-Stadtplan

Wir haben unseren Stadtplan aktualisiert.

Die Karte stammt von openstreetmap.org, die Marker von maps.google.com.

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Stolperstein-Stadtplan

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Stolperstein-Rundgänge

Für 2020 sind folgende Termine geplant:
28.3. / 20. 6. (vorraussichtl. Radtour) / 26.9. (Weststadt)
Beginn 16.00 Uhr · Treffpunkt Musikhalle (gegenüber von Bahnhof und Busbahnhof). Thema: Stolpersteine und ihre Geschichten in der Innenstadt. Eintritt frei, über Spenden zur Unterstützung der Arbeit freut sich die Stolperstein-Initiative.

Die Nazis und ich

Harry Grenville

Ich begann mein Leben nicht als Harry Grenville, sondern als Heinz Greilsamer. Als ich noch während des Zweiten Weltkriegs in der Britischen Armee diente, musste ich meinen Namen ändern – wäre jemand mit einem deutsch klingendem Namen gefangen genommen worden, dann wäre nicht nach dem Kriegsgefangenen-Status gefragt worden – man wäre erschossen worden.

Ich will versuchen, die Geschichte des Nazismus so kurz wie möglich zu halten, ehe ich von meinen eigenen Erfahrungen mit diesem Regime aus den Jahren 1933 bis 1939 berichte. Es war schon etwas sonderbar: In dem Maß, in dem die Juden im Europa des 19. Jahrhunderts mehr Bürgerrechte erhielten, wuchs auch eine gewisse Judenfeindlichkeit. Juden war es bis in die 1860er-Jahre nicht erlaubt gewesen, in Städten zu wohnen – genau das tat, sobald es möglich war, die Familie meiner Mutter: Ein großer Clan von Leuten namens Ottenheimer zog nach Ludwigsburg – meine Heimatstadt in der Nähe von Stuttgart.

Mein Großvater Josef Ottenheimer war, wie die meisten Juden des Mittelstands, ein begeisterter deutscher Patriot. In den 1880er-Jahren leistete er seinen nationalen Dienst in der Deutschen Armee; sein einziger Sohn Wilhelm wurde im Ersten Weltkrieg getötet. Großvater erlebte die Lebensmittel-Rationierung in diesem Krieg; sein Zigarren-Import ging in der großen Inflation von 1923 unter. Diese Inflation war die Folge des Versailler Friedensvertrags, der Deutschland wirtschaftlich ruinieren sollte. 1925 gründete mein Großvater ein neues Geschäft: Er versorgte kleine Läden mit Packpapier und Papiertüten. Sein Partner war sein Schwiegersohn Jakob Greilsamer und meine Mutter Klara sorgte dafür, dass im Büro alles rund lief. Meine Großmutter Sara besorgte für beide Familien den Haushalt.

Ich weiß ziemlich wenig über die Familie meines Vaters, doch interessanter Weise war mein Großvater väterlicherseits 1871 in Paris, als dieses von den Preußen belagert wurde. Mein Vater arbeitete vor dem Ersten Weltkrieg in Algier im Kapok-Export und wurde von den Franzosen während des Kriegs festgenommen. Kapok war eine Naturfaser wie Baumwolle, aus der Kissenbezüge und Matratzen gemacht wurden.

Die Nazi-Partei, genauer gesagt die NSDAP, die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiter Partei (was das Ganze politisch ein wenig linkslastig klingen ließ), existierte schon kurz, ehe Adolf Hitler beitrat. Bald beherrschte er sie völlig. Um die Nazis zu verstehen, muss man sich Wien im frühen 20. Jahrhundert vorstellen: Es war die ebenso große wie marode Hauptstadt von Österreich-Ungarn – und das strahlende Zentrum des kulturellen Lebens in Europa, in dem Juden eine große Rolle spielten.

Hitler war gebürtiger Österreicher und Opfer eines herrschsüchtigen Vaters. Er hielt sich für einen aufsteigenden Künstler – nur war er leider ohne jedes Talent. Wieder und wieder versuchte er, an einer Kunstschule aufgenommen zu werden, doch er endete als Herumtreiber auf dem Weg nach unten, der seine schlecht gemalten Bildpostkarten auf der Straße zu verkaufen versuchte. Diese Phase seines Lebens wurde von August Kubizek festgehalten, der ihm zu helfen versuchte.

Seine Chance kam im Ersten Weltkrieg, als er sich in der deutschen Armee als Frontbote verdingte. In den frühen 1920er-Jahren landete er im München, der Hauptstadt des politisch sehr unbeständigen Bayern. 1923 führte er den so genannten Hofbräuhaus-Putsch an, um mit der Nazi-Partei an die Macht zu kommen. Die Polizei schlug den Putsch nieder, Hitler wurde angeklagt und zu zwei Jahren Haft verurteilt.

Es ging mit der Nazipartei mal bergauf und mal bergab, Straßenschlachten mit den Kommunisten waren an der Tagesordnung. Doch 1933 wurden die Nazis die größte Partei im Reichstag, dem deutschen Parlament – und Hitler wurde zum Reichskanzler gemacht. Der alte preußische General Hindenburg war Reichspräsident; nach seinem Tod erklärte Hitler sich zum Führer mit diktatorischer Macht. Am 1. April 1933 zettelten Sturmtruppen der Nazis einen Boykott gegen alle jüdisch betriebenen Geschäfte an: Sie wollten die Deutschen davon abhalten, dort einzukaufen.

Zweifellos war Hitler ein charismatischer Führer mit hypnotischer Macht über die Deutschen. Man hat das oft in den Filmaufnahmen der Hasstiraden gesehen, die er vor seinen Parteigetreuen hielt. Wer an seiner geistigen Verfassung zweifelt, sollte das hier lesen – ein Zitat aus einem Buch über die Tischgespräche im Führerhauptquartier: „ein Alptraum von der Verführung hunderter und tausender von Mädchen durch abscheuliche, krummbeinige jüdische Bastarde (…) Mit satanischer Freude in seinem Gesicht lauert der schwarzhaarige junge Jude auf das arglose Mädchen, um sein Blut zu schänden. Das letzte Ziel der Juden ist die Entnationalisierung (…) durch die Bastardisierung anderer Nationen soll deren höherer rassischer Rang hinabgezerrt werden (…) mit dem insgeheimen Ziel, die weiße Rasse zu zerstören.“
Es war nur ein kleiner Schritt von solchen Schauerphantasien zu den Nürnberger Gesetzen von 1935, die es Juden verboten, Nicht-Juden zu heiraten oder sie auch nur als Hausangestellte zu beschäftigen. Im November 1938 kam die „Reichskristallnacht“, die Nacht der zerbrochenen Fensterscheiben, in der fast alle Synagogen in Brand gesteckt wurden, in der braune Horden die Fenster jüdischer Geschäfte einwarfen und in die Häuser von Juden eindrangen, in der viele Juden verhaftetet und in Konzentrationslager geschickt wurden. Dort wurden schon zu dieser Zeit einige ermordet, andere begingen Selbstmord. Wieder andere kamen endlich wieder frei. Alle jüdischen Unternehmen wurden bei geringer oder gar keiner Entschädigung enteignet – auch unser kleiner Familienbetrieb.

Nachdem der Zweite Weltkrieg begonnen war, kam Hitlers Plan zur Vernichtung aller Juden in Gang. Ein markantes Ereignis war dabei die Wannseekonferenz vom Januar 1942, bei der eine Gruppe von Nazi-Beamten aller Ministerien, der Reichsbahn und Industrievertreter aus den Bereichen Chemie und Anlagenbau im Detail ausarbeiteten, wie der Völkermord an den Juden industriell umgesetzt werden soll. Juden aus ganz Europa sollten in Ermordungslager in Polen transportiert werden, dort sollten sie durch Giftgas getötet werden und ihre Leichen sollten in riesigen Öfen verbrannt werden. Diese Methode sollte rationeller und billiger sein als die Menschen zu erschießen. Das Vorhaben war nicht ganz abgeschlossen, als die Rote Armee 1945 einige Überlebende befreite, doch die Zahl von sechs Millionen Menschen, die auf diese Weise ermordet wurden, ist allgemein anerkannt – die meisten von ihnen Juden, doch auch Sinti und Roma, Homosexuelle und politische Widerstandskämpfer waren darunter. Meine Eltern und meine Großmutter überlebten das Ermordungslager in Auschwitz nicht. Meine Tante, die in Berlin gelebt hatte, wurde 1942 in Riga ermordet.

1933 war ich sieben Jahre alt und verstand sehr wenig von dem, was geschah. Doch der Boykott der jüdischen Geschäfte in der Stadt machte einen bleibenden Eindruck auf mich. Zu diesem Zeitpunkt hatten Juden keinen Grund zur Annahme, dass ihr Leben bald bedroht sein würde, und nur wenige kamen auf die Idee auszuwandern. Eine Ausnahme war die Familie eines jüdischen Arztes, zu der meine Großmutter Kontakt hatte. Diese Familie lebte in Nürnberg und der Arzt wurde aus dem Haus gezerrt und musste in einer öffentlichen Grünanlage mit vielen anderen zusammen Gras mit den Zähnen ausreißen. Der Doktor wanderte im Sommer 1933 mit Frau und Sohn nach Südafrika aus.

Meine ersten zwei Jahre in der Grundschule waren langweilig. Ich konnte schon lesen, ehe ich zur Schule kam, und mein Klassenlehrer war ein blasser Pedant. 1934 und 1935 kam ich dann unter den Einfluss von Herrn Kuhn – ein brillanter und faszinierender Lehrer. Einige seiner Kopfrechentricks verwende ich bis zum heutigen Tag. Wir bekamen Einblicke in deutsche Literatur, obwohl wir erst acht und neun Jahre alt waren. An jedem Tag wurde eine Unterrichtsstunde vom Klassenlehrer gestaltet – Heimatkunde. Herr Kuhn nutzte diese Zeit, um mit uns Übersetzungen klassischer griechischer und römischer Literatur zu lesen.
Andere Lehrer nutzten diese Stunden, um ihre Schüler mit den Überzeugungen der Nazis zu indoktrinieren. Ich erlebte zunächst ziemlich wenig anti-jüdische Haltung von meinen Klassenkameraden, doch wäre ich länger in dieser Schule in Ludwigsburg geblieben, hätte sich das sicher geändert. 1936 wurde ich auf eine weiterführende Jüdische Schule in Stuttgart geschickt, eine zwanzigminütige Zugfahrt und einen fünfzehnminütigen Fußweg entfernt. In dieser Zeit lernte ich, immer auf der anderen Straßenseite zu gehen, wenn kleine Abteilungen der Hitlerjugend dahermarschierten.

Es gab eine ganze Reihe von inspirierenden Lehrern an der Jüdischen Schule. Einer von ihnen ragte besonders heraus: Herr David, der uns biblisches und modernes Hebräisch sowie Deutsch lehrte. Er war ein begeisterter Zionist und plante dorthin zu emigrieren, was damals noch das britische Mandatsgebiet Palästina war und was später der Staat Israel werden sollte. Nach dem Pogrom der Kristallnacht tötete er seine Frau und ihren kleinen Sohn und beging Selbstmord. Meine Eltern und Großeltern taten ihr Bestes, dies vor mir zu verbergen, doch irgendwie wusste ich es doch. Die Schule war auf dem Grundstück der großen Stuttgarter Synagoge, die niedergebrannt worden war – daher hatten wir für einige Monate keine Schule. Als sie wieder eröffnet wurde, waren die Klassen kleiner, weil zahlreiche Schüler und auch Lehrkräfte emigriert waren.

Die Kristallnacht führte auch in Ludwigsburg dazu, dass die Synagoge niedergebrannt wurde. Ich habe ein Foto des brennenden Gebäudes, das 1978 in der jährlichen Veröffentlichung des Ludwigsburger Historischen Vereins gedruckt wurde. Damals konnte ich den Rauch von unserer Wohnung aus sehen. Am nächsten Tag kam die Gestapo, um meinen Großvater zu verhaften, aber irgendwie konnte meine Großmutter sie davon überzeugen, dass er zu krank war, um transportiert zu werden.

In der selben Wohnung wohnte Albert Ottenheimer, der jüngere Bruder meiner Großmutter mit seiner Frau Alice und zwei Söhnen. Der ältere war 17 und hieß Johnnie (ursprünglich Hans) – er wurde verhaftet und sechs Wochen lang in das berüchtigte Konzentrationslager Dachau gesperrt. Ich erinnere mich bis heute an seine fürchterlich erfrorenen Hände, als er zurückkam. Bald darauf konnte er nach New York kommen und ist nun, 2013, da ich diese Erinnerungen aufschreibe, 92 Jahre alt. Seine Eltern und sein jüngerer Bruder Fred (damals Fritz) kamen irgendwie aus Deutschland heraus und konnten über Lissabon ausreisen und Johnnie in New York wiedertreffen. Inzwischen sind alle drei gestorben.

Nach der Kristallnacht versuchten erwachsene Juden, nicht mehr auf der Straße gesehen zu werden. Mein Vater war damals gerade auf einer Geschäftsreise und blieb extra einige Tage länger fort, bis die Lage nicht mehr ganz so aufgewühlt war. Die Erwachsenen trauten mir zu, Ärger zu umgehen, und schickten mich nach Stuttgart, um über einen Verwandten Tabletten zu besorgen, die mein Großvater brauchte. Als ich auf dem Rückweg im Zug saß, kamen einige Arbeiter von der Bosch-Zündkerzenfabrik in den Waggon und nahmen mich offensichtlich als zwölfjährigen Juden wahr. Sie hatten größte Freude daran, sich unter lautem Gelächter darüber zu unterhalten, dass sie in der letzten Nacht die Synagoge dieses Jungen niedergebrannt hätten, während ich versuchte, so unverdächtig wie irgend möglich auszusehen.

Es bleibt dem britischen House of Commons auf ewig hoch anzurechnen, dass sie bis zu 10.000 jüdische Kinder aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei ohne Begleitung Erwachsener nach England kommen ließen – den so genannten Kindertransport. Meine Mutter arbeitete zu dieser Zeit im Büro der Stuttgarter Jüdischen Gemeinde. Meine Eltern fassten dann den furchtbar schweren Entschluss, meine Schwester und mich für den Kindertransport anzumelden. Hannah war knapp elf Jahre alt, ich selbst dreizehn. Wir reisten im Sommer 1939 ab und waren überglücklich, von einer freundlichen nicht-jüdischen Familie in Nord-Cornwall aufgenommen zu werden. Sie hatten zwei eigene Söhne, die inzwischen in den 80ern sind und mit denen ich nach wie vor in regelmäßigem Kontakt stehe.

Die Nazis behinderten diese Ausreise von Juden in keiner Weise, sieht man von einer erheblichen Finanzabgabe für künftigen Steuerausfall ab. Das Problem waren die Zielstaaten, die konsequent ihre Einwandererzahlen beschränkten. Großbritannien verlangte solide finanzielle Garantien, ebenso die Vereinigten Staaten von Amerika, zusätzlich zu streng einzuhaltenden jährlichen Zahlungen. Noch schwieriger war es, in das Mandatsgebiet von Palästina zu kommen, die Quote für legale Einreisende war sehr klein und illegale Einwanderer wurden sofort in Zwischenlager nach Zypern geschickt.
Meine Eltern ließen sich beim US-Konsulat in Stuttgart für die Einreise in die USA registrieren. Mit ihren Registrierungsnummern hätten sie eigentlich im Sommer 1942 einreisen können, doch Ende 1941, nach den Angriffen auf Pearl Harbour, war Amerika in den Zweiten Weltkrieg eingetreten und alle vorherigen Zusagen galten nicht mehr. Ich bezweifle auch, ob meine Eltern je meine Großmutter zurückgelassen hätten.

Ich muss etwas über Nazis und Nicht-Nazis in Deutschland sagen. Mein Klassenlehrer Kuhn war eindeutig kein Nazi und ebenso erinnere ich mich an Herrn Bronner, der einen großen Gemüsehandel betrieb und einen parkartigen Garten ganz in der Nähe unserer Wohnung hatte. Er sagte uns, dass wir immer zum Spielen in seinem Garten willkommen seien. Soweit ich weiß, wurde er einmal für kurze Zeit eingesperrt, weil er etwas Abfälliges über Mussolini gesagt hatte und sein eigener Sohn ihn bei seinem Hitlerjugend-Anführer denunziert hatte.

Mein großer Held war Konrad Adenauer, der erste Bundeskanzler der neuen westdeutschen Regierung von 1949 bis 1963. Er setzte sich stark dafür ein, den neuen Staat Israel finanziell und politisch zu unterstützen. Er bestand auch darauf, dass überlebende Opfer der Naziverbrechen persönlich entschädigt werden sollten. Er wird als einer der Gerechten Nicht-Juden in Yad Vashem, dem Holocaust-Museum, gewürdigt. Er war der hoch angesehene Oberbürgermeister von Köln gewesen und zweimal verhaftet worden, doch ähnlich wie in den letzten Jahren Aung San Suu Kyi in Myanmar keine brutale Gewalt erdulden musste, kam auch er durch die 1930er-Jahre.

Nun, zwei Generationen später, glaube ich, dass die Deutschen ihre Vergangenheit nicht länger verdrängen und leugnen. Vielmehr stellen sie sich dem Schrecken. Ganz persönlich habe ich die Erinnerungsveranstaltung von 2009 als großen Trost empfunden, als auf dem Gehweg vor dem Zuhause meiner Eltern und meiner Großeltern „Stolpersteine“ verlegt wurden, wie auch schon im Jahr zuvor vor dem Haus, in dem meine Tante Florina Ottenheimer gewohnt hatte.

Vor einigen Tagen habe ich ein Gedicht von Lotte Kramer gelesen – sie kam selbst mit dem Kindertransport nach England und ist heute 89 Jahre alt. In diesem Text zeichnet sie eine Parallele zwischen einerseits der biblischen Geschichte von Moses‘ Mutter, die ihn in einem Körbchen auf dem Nil aussetzte und hoffte, dass jemand ihn finden und retten würde (was die Tochter des Pharaos dann ja auch tat), und andererseits dem Opfer, das jüdische Eltern brachten, indem sie ihre Töchter und Söhne mit dem Kindertransport fortschickten:

Exodus

Allen Müttern voller Angst,
die ihre Kinder
in einen kleinen Korb legen,

die den Fluss sie wiegen lassen
zu freundlichen Händen,
die sie liebevoll erziehen,

die sie versorgen und schützen
in einer feindlichen Welt,
ihnen gilt unser stetiger Dank.

So wurden in diesem letzten Jahrhundert
die vollgestopften Züge,
die uns fortfuhren von zuhause,

unsere ratternden Kinderkörben,
die uns in fremde Länder brachten,
auf unserem Exodus vom Tod.
Exodus

For all mothers in anguish
Pushing out their babies
In a small basket

To let the river cradle them
And kind hands find
And nurture them

Providing safety
In a hostile world:
Our constant gratitude.

As in this last century
The crowded trains
Taking us away from home

Became our baby baskets
Rattling to foreign parts
Our exodus from death.

 

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Ein Koffer bestätigt: Harry Grenvilles Familie starb in Auschwitz

von Eleanor Williams, BBC News · 27. Januar 2013

Harry Grenville war schon immer überzeugt, dass seine Eltern und Großmutter 1944 in Auschwitz starben. Doch er hatte nie einen konkreten Hinweis darauf, dass sie den Tod in diesem Nazi-Vernichtungslager in Polen gefunden hatten – bis zur letzten Woche, als ihn aus heiterem Himmel eine Fotografie des Koffers erreichte, den sein Vater ins Konzentrationslager mitgenommen hatte.

Dieser Koffer mit dem deutlich zu erkennenden Namen Jacob Greilsamer kann auf einem Stapel im Auschwitz-Museum klar erkannt werden. Ein polnischer Fotograf hatte das Foto an Herrn Grenvilles Freunde in Deutschland geschickt. Die schickten es per E-Mail an Herrn Grenville (86), der viele Jahre lang in Dorchester in Dorset gelebt hatte.

Er war erst 13 Jahre alt, als er vor dem Holocaust floh, indem er zusammen mit seiner Schwester Hannah mit einem Kindertransport nach England gebracht wurde. Sie kamen im Juli 1939 an und wurden von einer Pflegefamilie in der Cornwall-Stadt Camelford aufgenommen – an diese Zeit erinnert er sich liebevoll, denn er wurde in die Familie integriert und auf das Gymnasium geschickt. „Wir waren glücklich“, sagt er. „Viele andere Kinder, die herkamen, wurden nicht so gut behandelt.“

Die Geschwister blieben über das Rote Kreuz in regelmäßigem Kontakt mir ihrer Familie, bis im Oktober 1944 eine letzte Nachricht kam, die besagte, ihre Eltern seien in den Osten geschickt worden.

Als der Krieg zu Ende ging, reiste Herr Grenville nach London, um die Liste der Überlebenden der Konzentrationslager zu prüfen. Die Namen seiner Eltern waren nicht dabei. Er wusste, dass sie den Krieg nicht überlebt hatten, doch bis zur vergangenen Woche hatte er keinerlei konkreten Hinweis, dass sie tatsächlich in Auschwitz ermordet worden waren.

Er sagt: „Aus heiterem Himmel kam eine Fotografie mit einer Menge Koffern von Opfern darauf, und die Koffer trugen die Namen der Opfer, die aufgemalt worden waren. Auf diesem bestimmten Foto, wer hätte das gedacht, war der Name meines Vaters.“ Der Name „Jacob Greilsamer“ ist klar erkennbar.


(Foto: BBC)

„Das war ein ziemlicher Schlag für mich – zum erstem Mal hatte ich einen verbindlichen Hinweis darauf, dass mein Vater, und demnach auch meine Mutter und meine Großmutter, tatsächlich in Auschwitz angekommen war. Wir wussten, dass sie 1942 in eine Art von Konzentrationslager geschickt worden waren, das war ein Ort namens Theresienstadt in der früheren Tschechoslowakei. Die letzte Nachricht vom Roten Kreuz stammte vom Oktober 1944 – es war ziemlich klar, was das zu bedeuten hatte. Sie besagte, dass meine Eltern nach Osten geschickt würden, und wir wussten, was ‚Osten’ bedeutete, denn allen Gefangenen von Theresienstadt war klar, dass damit die Vernichtungslager in Polen gemeint waren.

Sie wurden in diesen furchtbaren Viehwaggons transportiert, vom Internierungslager zu den Vernichtungslagern, wo die meisten von ihnen sehr bald nach der Ankunft getötet wurden. Wir hatten nur indirekte Belege dafür, dass sie angekommen waren, aber nun haben wir es mit einem Foto belegt – hier ist es, ‚Jacob Greilsame‘ auf diesem Koffer.“

An Herrn Greilsamer, seine Frau Klara und ihre Mutter Sara Ottenheimer erinnern nun Plaketten im Bürgersteig vor ihrem früheren Zuhause in Ludwigsburg bei Stuttgart, wo die Familie einen Großhandel für Verpackungsmaterial betrieb. Herr Grenville sagt: „Diese Klötze heißen Stolpersteiune, denn man soll im übertragenen Sinn darüber stolpern und sich an die Verbrechen der Nazis erinnern. Als diese Steine 2009 verlegt wurden, habe ich mit einigen Mitgliedern meiner Familie an der Zeremonie teilgenommen. Das war ein sehr bewegendes Ereignis, es gab eine Menge Zuschauer, auch der Oberbürgermeister war dabei. Es hat mich sehr bewegt zu sehen, dass die zweite und dritte Generation nach den Nazis sich so stark für Erinnerung und Aussöhnung einsetzt.“

Herr Grenville, geboren als Heinz Greilsamer, und seine Schwster, die nun in New York lebt, wurden wie etwa 10.000 zumeist jüdische Kinder durch die Kindertransport-Inititative während des Krieges aus Deutschland gerettet und ins Vereinigte Königreich gebracht. Nach dem Krieg blieb er in England, ging zur Britschen Armee und wurde in Cattistock in Dorset stationiert. Später wurde er Biologielehrer. Noch immer besucht er Schulen, um über den Holocaust zu sprechen. Er fügt hinzu: „Ich lege sehr großen Wert darauf, dass die Erinnerung an die jüngeren Generationen weitergegeben wird, kein Aufwand ist hierfür zu groß. Die jungen Leute müssen die Überlebenden treffen und ihnen zuhören.“

Familie Frischauer

Hans Frischauer
Meta Frischauer
Robert Frischauer
Walter Frischauer

In keiner Heimat gab es Sicherheit

Asperger Straße 34

«In der Inflationszeit blühte sein Weizen, und bald konnte er sich als Lieferant von staatlichen Behörden eine pompöse Villa bauen.» Der hier in der nationalsozialistischen Hetzschrift ‹Flammenzeichen› angeprangert wird, ist Hans Frischauer, ein tschechischer Jude in Ludwigsburg. Sein Vater hatte 1905 das Asperger Zweigwerk der Chemischen Fabrik Weil & Eichert aus Ludwigsburg aufgekauft und die Leitung seinem Sohn Hans übergeben.

1920 heiratet Hans Frischauer mit 36 Jahren in Ludwigsburg die 25jährige Meta Weil, hier geborene Tochter des Fabrikdirektors der Firma Weil & Eichert. Ein Jahr später wird die Tochter Gertrud Karoline geboren – sie wird die Mädchenrealschule in Ludwigsburg besuchen und 1938/39 ein «Töchterinstitut» bei Sankt Gallen in der Schweiz.

Ende 1922 kommt Robert Leopold zur Welt. Er besucht in Ludwigsburg das Gymnasium und feiert im Dezember 1935 seine Bar-Mizwah. Nachdem ihm der Schulbesuch in Ludwigsburg wegen seiner jüdischen Religion unmöglich gemacht wird, wird auch er in der Schweiz unterrichtet.

1929 schließlich wird Walter Leopold geboren – wie seine Geschwister geht auch er in Ludwigsburg zur Schule, bis das Nazi-System ihm dies verwehrt. Bis zur Flucht nach Prag besucht er zuletzt die jüdische Schule in Stuttgart.

Hans Frischauer produziert ab 1933 Nitrozellulose-Lacke und ist damit auf der Höhe der chemisch-technischen Entwicklung seiner Zeit. Seine Kunden sind die Deutsche Reichsbahn, Landesunternehmen und kommunale Einrichtungen.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 beginnen sehr bald die Beschränkungen und Repressalien, speziell gegen jüdische Geschäftsleute und Bürger. Ein Beispiel ist die Kontingentierung von Leinöl, einem Grundstoff für Farben und Lacke, bei denen Frischauers Fabrik benachteiligt wird. In der NS-Hetzschrift ‹Flammenzeichen› ist 1937 zu lesen: « … er beliefert immer noch verschiedene Behörden und zählt auch noch einen großen Kreis von Handwerkern zu seiner Kundschaft. Wäre es nicht möglich, dass sich der Frischauer auf den Export nach Palästinahäfen umstellt?»

Im Mai 1938 wird bei der Firma Frischauer eine Betriebsprüfung durchgeführt. Begründung: Ungenehmigte Verkäufe von Materialien ins Ausland und Steuerhinterziehung. In der Folge wird eine Steuernachzahlung in Höhe von 130.000 Reichsmark eingefordert und mit einem Strafverfahren gedroht. Das veranlasst Hans Frischauer zu einer überstürzten Flucht nach Prag – denn noch hat er einen tschechischen Pass.

Das ist den Nationalsozialisten gerade recht. Nun können sie jeglichen Besitz von Frischauer einziehen. Dazu gehört die Asperger Firma mit verschiedenen Außenbüros und die Villa in der Asperger Straße 34 in Ludwigsburg. Aus der Wohnungsmeldekartei von Meta Frischauer ist ersichtlich, dass sie am 5. April 1939 das Haus der Familie verlassen muss. Sie zieht – vermutlich mit dem jüngsten Sohn Walter – zur Familie Hirschfeld in das Haus Asperger Straße 39.

Im Frühjahr 1939 hat Hans Frischauer in Prag so viel Geld zusammen, dass er seine Familie nachkommen lassen kann. Aber gerade dort laufen die Frischauers den Nationalsozialisten ganz bald wieder ins Netz, denn noch im März marschieren deutsche Truppen in Prag ein. Im September müssen die Frischauers in das Prager Juden-Ghetto umziehen. Dort verbringen sie zweieinhalb Jahre mehr schlecht als recht. Dann werden sie im April 1942 nach Theresienstadt deportiert. Schon sechs Tage später geht es weiter nach Izbica, einem Durchgangslager auf dem Weg in das Ermordungslager Belzec.

Als einzige der Familie überlebt die Tochter Gertrud den Holocaust, weil die Eltern sie rechtzeitig nach England schicken. Dort heiratet sie später und kommt in den 1990er-Jahren noch einmal mit einer Gruppe ehemaliger jüdischer Mitbürgerinnen und -bürger nach Ludwigsburg.

Heinz Weißgerber

Fotomontage oben: Gebäude Asperger Straße 34 im Jahr 2005, Portraits Familie Frischauer (Stadtarchiv Ludwigsburg)