Betr.: Stolperstein für Karl August Ebel

Ein Kommentar von Frau G. anlässlich der Verlegung des Stolpersteins für Karl August Ebel (am 8. Juli 2020 in der Ludwigsburger Gartenstraße 17) hat bei uns und anderen Adressaten, die neben der Stolperstein-Initiative das Schreiben zugeschickt bekamen, für Irritationen gesorgt. Mit der nachfolgenden Stellungnahme wollen wir die Arbeit der Stolperstein-Initiative transparent und nachvollziehbar machen und die Entscheidung für den Stein und seine Verlegung detailliert begründen. Wir hoffen, dass alle in diesem Zusammenhang aufgetauchten Fragen sich dadurch beantworten lassen.

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Stellungnahme

HIER WOHNTE
KARL AUGUST EBEL
JG. 1895
VERHAFTET 27.6.1938
AKTION ‘ARBEITSSCHEU REICH‘
DACHAU
1939 MAUTHAUSEN
ERMORDET 24.9.1939

  1. Die Angaben auf dem am 8.7.2020 in Ludwigsburg verlegten Stolperstein für Karl August Ebel entsprechen den derzeit recherchierbaren Fakten zu Leben und Tod des Betroffenen. Sie halten jeder Nachprüfung stand.
  2. Jeder der über 75.000 vom Kölner Künstler Gunter Demnig seit 1992 verlegten Stolpersteine ist Teil eines europaweiten Kunstwerks im Dienste der Erinnerung an die NS-Opfer. Jeder einzelne Stein findet in diesem Mosaik seinen Platz, wenn die vom Künstler vorgegebenen Normen eingehalten werden. Format des Steins, Schrift, Kategorien, Benennungen und andere Details sind weitgehend standardisiert.
  3. Alle 82 Steine in Ludwigsburg sind vor dem letzten frei gewählten Wohnsitz der Opfer verlegt. Das ist eine klare Regelung, um Doppelungen zu vermeiden. Der Zugang zur Biografie des Opfers ist topografisch verankert, die Erinnerung dockt an einen lokalen/lokalhistorischen Fakt an, setzt perspektivisch an: Karl Ebel wohnte zur Zeit seiner Verhaftung vorübergehend im Christlichen Hospiz in der Gartenstr. 17, in der „Herberge zur Heimat“, die Wohnsitzlosen Unterkunft bot.
  4. Der Anstoß, in Ludwigsburg einen Stolperstein für Karl August Ebel zu verlegen, kam von Frau G.. Sie bat die Ludwigsburger Stolperstein-Initiative um Hilfe bei Recherchen zu ihrem Vorfahren (Karl August Ebel hatte drei Geschwister, keine Kinder), nannte Daten und Fakten. Daraufhin startete die Initiative eigene Recherchen zu Karl Ebel und der Opfergruppe, der er zuzurechnen war, und teilte die Ergebnisse regelmäßig Frau G. mit.
    Für die Ludwigsburger Initiative ist aber, neben dem Gedenken an die NS-Opfer, deren Biografie rekonstruiert wird, immer auch der stadtgeschichtliche und öffentlichkeitswirksame Bezug wichtig. Dieser doppelte Kontext führt in der Darstellung zwangsläufig zu Typisierungen und Begrifflichkeiten, die familienintern wohl befremdlich klingen. Der Stolperstein informiert „im Vorbeigehen“, spricht jede und jeden an: kurz und knapp.
  5. Der Stein nennt mit der Inschrift Aktion „Arbeitsscheu Reich“ den Grund der Verhaftung und Internierung. Die Bezeichnung Aktion “Arbeitsscheu Reich“ (ASR) ist in der Forschung etabliert, sie schließt die Aktion „Arbeitszwang Reich“ (AZR) mit ein. Die NS-Bezeichnung Arbeitsscheu Reich ist auf dem Stein in (eingestrichene) Anführungszeichen gesetzt und damit als ein ideologisches Verdikt, letztlich: eine Stigmatisierung mit Todesfolge, kenntlich gemacht. Karl Ebel ist ein Opfer dieser Aktion gewesen, der Eintrag im Eingangsbuch des KZ Dachau bestätigt dies – weitere Belege sind weder erforderlich noch in Form von „Verhaftungslisten“ zu erwarten.
    Die Nennung der Aktion soll u. a. deutlich machen, dass es neben Holocaust und Krankenmorde weitere (bisher wenig beachtete) Opfergruppen gab/gibt. Dabei unterstellen wir, dass NS-Etikettierungen wie „Jude“, „lebensunwertes Leben“ oder „arbeitsscheu“ aus humanistischer Sicht haltlos sind.
  6. Alle KZ sind keine Resozialisierungsanstalten, vielmehr von Anfang an daraufhin angelegt, die dort inhaftierten Menschen psychisch/physisch zu brechen oder ganz zu vernichten. Arbeit, Hunger, Willkür und Gewalt prägten den Alltag der KZ-Häftlingen – wer unter solch brutalen, gewaltsam auferlegten Bedingungen stirbt, stirb keines natürlichen Todes, der wird getötet. Alle Tatbestandsmerkmale für Mord treffen auf die KZ-Toten zu (dass die Täter in der Regel nach 1945 davongekommen sind, sollte das Urteil über die Taten nicht trüben). Das KZ Mauthausen wurde von den Nazis als KZ der Kategorie III geführt, darunter verstanden sie „Vernichtung durch Arbeit“. Karl Ebel wurde nach Mauthausen verlegt, um dort durch Arbeit vernichtet, also ermordet zu werden.
  7. Die Stolperstein-Initiative Ludwigsburg ist bis zur Verlegung der Steine Herr des Verfahrens (danach gehen die Steine in städtisches Eigentum über), sie recherchiert nach bestem Wissen und Gewissen, kooperiert mit Bibliotheken, Archiven, Nachfahren und anderen Informationsquellen, nimmt Rücksicht auf Betroffene. Sie übernimmt grundsätzlich auch die Kosten für die Steine – das wurde auch Frau G. mitgeteilt. Die Nachfahren der Opfer sollen nicht auch noch für das Gedenken bezahlen. Steine kann man/frau weder spenden noch kaufen (die Arbeit der Initiative mit Spenden unterstützen dagegen schon). So bleibt und wird Objektivität, die Richtigkeit der Fakten und Daten, gewahrt und gesichert.
  8. Karl Ebel wurde zusammen mit Josef Michelbacher, für den in der Gartenstr. 17 ebenfalls ein Stein verlegt wurde, und zwei weiteren Personen, Georg Bärtlein und Ernst Schäufler, verhaftet. Georg Bärtlein wurde aus Dachau entlassen, über sein weiteres Leben ist bisher noch nichts bekannt. Die Nachforschungen zu Ernst Schäufler sind noch nicht abgeschlossen.
  9. Im Begleitprospekt zur Stein-Verlegung sind im Text, der auf Karl August Ebel Bezug nimmt, Fehler unterlaufen. Wörtliche Übernahmen aus einem Text von Frau G. wurden nicht als Zitate gekennzeichnet, die Quelle nicht genannt. Dafür haben wir uns bei ihr entschuldigt und unseren Text überarbeitet. Dieser Fauxpas ist vor dem Hintergrund zu sehen und zu verstehen, dass die Stolperstein-Initiative ihre jeweiligen Recherche-Ergebnisse zu Karl Ebel regelmäßig – und wohl auch erkenntnis- und rechercheleitend – an Frau G. weitergegeben hat.

5. Oktober 2020, 19.30 Uhr

Der nächste Treff ist am 5.10.2020 um 19.30 Uhr in der Schillerstr. 13/1.
Interessenten sind herzlich eingeladen.

Stolperstein-Rundgänge

Für 2020 sind folgende Termine geplant:
28.3. / 20. 6. (vorraussichtl. Radtour) / 26.9. (Weststadt)
Beginn 16.00 Uhr · Treffpunkt Musikhalle (gegenüber von Bahnhof und Busbahnhof). Thema: Stolpersteine und ihre Geschichten in der Innenstadt. Eintritt frei, über Spenden zur Unterstützung der Arbeit freut sich die Stolperstein-Initiative.

Lina Peukert

Die Familie gab ihr lange Halt

Mörikestr. 2

Lina Peukert, geb. Bauer, wurde am 1. November 1887 in Neuenhaus im Landkreis Esslingen geboren. Ihre Eltern hatten ein Wirtshaus und 14-jährig begann sie dort zu arbeiten. Schon in der Schule war sie sehr fl eißig und ebenso bei ihrer Arbeit. Sie heiratete am 14. Januar 1913 den Friseur Adolf Peukert. Bereits vor der Hochzeit am 11._Dezember 1912 bekamen sie ihre gemeinsame Tochter Emilie. Lina brachte zudem eine Tochter mit in die Beziehung mit Adolf, die wie ihre Mutter Lina hieß. 1912 ist die Familie zunächst nach Oßweil gezogen und 1917 dann nach Ludwigsburg.

Der Erste Weltkrieg brachte der Familie sehr viel Unglück und Armut. Diese Erfahrungen wurden als Hauptursache für die spätere psychische Erkrankung von Lina angenommen. Ihr Mann kam in russische Kriegsgefangenschaft und verkraftete sein erlebtes Leid nicht. Nach seiner Rückkehr 1919 behandelte er nun seine Familie schlecht und sorgte nicht für sie. Er konnte keiner regelmäßigen Arbeit mehr nachgehen. 1928 wurde die Ehe geschieden. Adolf bekam sein Leben nicht mehr in den Griff und starb 1929 „abgestürzt“.

Lina wohnte in Ludwigsburg in unterschiedlichen Mietshäusern und seit 1923 in der Mörikestraße 2. 1935 erkrankte Lina Peukert. Aufgrund ihrer Angstzustände und Selbstmordgefährdung wurde sie am 25. Februar 1935 in Weinsberg eingewiesen. Vor allem ihre Tochter Emilie kümmerte sich um sie. Die Angehörigen gaben ihr Halt und waren in ihrem Leben off ensichtlich das wichtigste. Es gab über die Jahre regen Besuchs- und Briefkontakt.

Einsamer wurde es für Lina, als ihre Töchter heirateten und Emilie nach New York zog und die ältere Tochter erst nach Frankfurt und dann nach Kiel. 1937 sollte Lina aufgrund ihrer psychischen Erkrankung in die Tschechoslowakei ausgewiesen werden. Die Nazis wollten einen „gesunden Volkskörper“ und sich nicht um andere Staatsangehörige kümmern. Der Landrat widersetzte sich dieser Ausweisung und vor allem auch Emilie setzte sich immer wieder aufopferungsvoll für ihre Mutter ein. Der Terror nach Innen im Nationalsozialismus wirkte sich auch bei den Peukerts aus. So gab es Bestrebungen, Lina Peukert noch 48jährig zwangssterilisieren zu lassen. Zudem hatte ihre Tochter Emilie die Sorge, ob sie aufgrund eines zu erwartenden Erbtauglichkeitsgesetz eventuell nicht heiraten dürfe. 1939 kam Lina Peukert zuerst nach Zwiefalten und dann nach Bad Schussenried. Am 29. Oktober 1940 wurde sie als Opfer des ideologischen Wahnsinns der Nazis in Grafeneck ermordet.

Marc Haiber

 

 

Richard Werner

42jähriger Oßweiler wurde ermordet

Hermann-Löns-Straße 13

Richard Werner kam am 10. Mai 1898 zur Welt. Er heiratete Lina Kunst, eine Fabrikarbeiterin. Das Paar lebte in Oßweil in der heutigen Hermann- Löns-Straße 13.

Aus den Akten des Vormundschaftsgerichts wissen wir, dass er am 10. September 1925 „infolge einer Geistesstörung“ in die Heilanstalt Weinsberg eingeliefert wurde. Ein Antrag auf Invalidenrente wurde gestellt, laut ärztlichem Gutachten sei eine Verständigung mit Richard Werner nicht möglich gewesen. Da sein Bruder die Pfl ege nicht übernehmen wollte oder konnte, wurde ein gewisser Karl Stuber per Handschlag verpfl ichtet. Dieser ließ notariell beglaubigen, dass Werner außer der Kleidung und Dingen persönlichen Gebrauchs nichts besaß, ein Vermögensverzeichnis wurde daher nicht erstellt.

Regelmäßig erstattete Karl Stuber Berichte für das Vormundschaftsgericht, dass sich an der Vermögenslage nichts geändert habe. Die Rente wurde nach Weinsberg überwiesen, er selbst habe weder Einnahmen noch Ausgaben. Der Bericht für 1940 fehlt, denn am 19. August 1940 wurde Richard Werner nach Grafeneck „verlegt“ und dort am gleichen Tag ermordet.

Christian Rehmenklau

 

 

Karl Merkle

Der junge Mann wurde „leutscheu“

Baltenstraße 28

Karl Heinrich Merkle wurde am 16. Juli 1881 in Oßweil geboren. Er lebte mit seiner Familie in der Baltenstraße 28.

Im Februar 1935 wurde im Kreiskrankenhaus Ludwigsburg die Diagnose „Schizophrenie“ gestellt. Seine Schwester berichtet, der Bruder sei zwanzig Jahre lang normal gewesen, „im 20. Lebensjahr wurde er leutscheu“, habe Angstzustände bekommen, man habe befürchtet, er würde sich das Leben nehmen.

Im März 1901 kam er in die Heilanstalt Weinsberg. Die Einträge in der Krankenakte waren zunächst ausführlich, wurden dann immer sporadischer und gleichförmiger. „Außerordentlich stumpf und teilnahmslos, schwere Demenz, pfl egebedürftig.“ So und ähnlich lauteten die Berichte.

Am 16. Juli 1940 wurde er nach Grafeneck „verlegt“ (dieser vermeintlich unauff ällige Begriff steht in der Geschichte der NS-Krankenmorde für „zur Tötung weggebracht“) und am gleichen Tag ermordet. Die Nazi-Behörden verschleierten Todestag und Sterbeort, damit das System ihrer Taten nicht erkennbar werden sollte. Auf diese Art sollte verhindert werden, dass sich Protest hätte entwickeln können.

Christian Rehmenklau

 

 

Pauline Schenk

Ein Leben in Arbeit und Anstalten

Hospitalstraße 39

Pauline Helene Schenk wurde am 5. Januar 1880 in Ludwigsburg geboren. Sie war erst drei Jahre alt, als ihr Vater starb. Ihre Mutter verdiente von nun an als Waschfrau alleine den kärglichen Unterhalt für sich und ihre sieben Kinder.

Nach Abschluss der Volksschule trug Pauline als Dienstmädchen zum Lebensunterhalt der großen Familie bei. Gegen Ende ihres 16. Lebensjahres litt sie zum ersten Mal unter schizophrenen Schüben. Im Januar 1897 wurde sie in die Heilanstalt Winnenthal eingeliefert.

Sie war verwirrt und litt unter lebhaften Sinnestäuschungen. Sie glaubte bald in Stuttgart, bald in Ludwigsburg zu sein. Manchmal war sie heiter und lachte, aber meist war sie ängstlich und manchmal weinte sie. Sie interessierte sich nicht für ihre Umwelt und versteckte sich meist unter ihrer Bettdecke. Im Winter 1903 wurde sie ungeheilt in der Anstalt Göppingen aufgenommen. Ihr Zustand und ihr Verhalten änderte sich nicht.

Im Dezember 1922 wurde sie in die Anstalt Weissenau überwiesen, wo sie von da an 18 Jahre verbringen sollte. Im Sommer 1924 erkrankte sie an Tuberkulose, die sie jedoch überstand. Ihr körperlicher Zustand war dann wieder so gut wie zuvor. Am 28. August 1940 wurde sie in einem der grauen Busse in die Tötungsanstalt Grafeneck deportiert und dort am selben Tag in der Gaskammer ermordet.

andreas nothardt